Vom Schlachten – Effilee

EFFILEE # 4 / APRIL 2009 / TEXT+FOTOS

Eine Geschichte über die Hausschlachtung

Früher kam im Winter der Hausschlachter. Der Bauer rief ihn, wenn das Schwein fett genug war. Heute ist der Brauch, zu Hause zu schlachten, fast ausgestorben. Doch im Eichsfeld, im ehemaligen Zonenrandgebiet, hat er bis heute überlebt

1. AKT

Meine Hand umfasst die rostige Türklinke des Hoftores. Es riecht nach Erde, Fleisch und Schnee. Es ist fünf Uhr morgens, ich bin zu spät. Gott sei Dank, die Sau ist tot. Ein alter Trecker brummt in der Mitte des Hofes. Fünfhundert Watt hüllen einen kolossalen Schweinekörper in gelben Nebel. Kopfüber hängt das dampfende Tier am Frontlader. Aus seinem Rüssel tropft Blut auf glänzend schwarze Pflastersteine. Heute ist Schlachttag.

»Tach«, fester Händedruck, kurzes Kopfnicken. Der Gastgeber und Hausherr ist 75 Jahre alt, Bauer »außer Dienst« und kein Freund großer Worte. Er steht hinter einem Holztisch links neben dem Trecker. Vor ihm liegen warme Schweinedärme in einer Holzmolle. Wie aus einem Wollknäuel zieht er mit massigen Händen nicht enden wollende Därme, drückt den Dreck heraus, wäscht sie. Der stämmige Mann wirkt konzentriert und abwesend. Seine Bewegungen sind behäbig. Der Mützenschirm verdeckt sein breites, nach vorn geneigtes Gesicht, so dass nur die wulstige Unterlippe zu sehen ist. Die Gummischürze wölbt sich steif über Karohemd und Strickjacke.

Die Szene auf dem Hof erinnert an ein bäuerliches Interieur von Willem Kalf: Das fast unwirkliche Licht, die provisorischen Holzkonstruktionen, das geordnete Chaos der Gebrauchsgegenstände überall. Die versunkenen Menschen, die einer jahrzehntelang einstudierten Choreografie zu folgen scheinen. Das Schwein, das noch vor einer halben Stunde in der Scheune gewühlt hat und nun seit ein paar Minuten leblos im Mittelpunkt hängt. Schon bald wird die Sau in ihre Bestandteile zerlegt sein. Mein Blick wandert auf die rechte Hofseite: Zwischen zwei großen Kesseln fällt gelbes Licht aus einer halb geöffneten Tür. Drinnen erkenne ich einen Lehmboden, geweißte Wände und an Holzstangen aufgehängte Mettwürste. Das muss die Reifekammer sein. Dahinter liegt die geflieste Wursteküche. Hier wird das Schwein als Eichsfelder Mettwurst, einer groben, naturgereiften Rohwurst, auferstehen. Dazwischen liegen Dekonstruktion und Synthese, oder besser: Schlachten und Wursten. Und damit stundenlange harte Arbeit.

(…)

Ich suche hier einen Mythos, den ich lediglich aus den Erzählungen meiner Großeltern kenne: Das archaische Ritual, zu Hause auf einem Hof ein Schwein zu schlachten und es mit Haut und Knochen zu verarbeiten – ein winterliches Zeremoniell, das in wenigen Jahren wohl der Vergangenheit angehören wird.

(…)

2. AKT
(…) Mit dem ersten Tageslicht kommt der zweite Akt. Ich fühle mich wie nach einer durchzechten Nacht, wenn es hell wird. Das Geschehen hat sich auf die rechte Hofseite verlagert: Die Männer arbeiten in der Nähe der Kessel, im Reiferaum und in der Wursteküche. Der Geruch nach gekochtem Fleisch und Diesel pfropft in meiner Nase. Alles ist mit Fett überzogen. Von hinten schleicht sich Müdigkeit an.
Lisbeth fischt mit einer überdimensionierten Schaumkelle in der Schlachtebrühe. Sie schüttelt enttäuscht den Kopf: »Die Männer sind zu spät, ich hab noch kein Kesselfleisch, das muss bis zum Frühstück fertig sein.« Sobald das Schwein zerteilt ist, erklärt sie mir, muss ein Stück durchwachsenes Fleisch in den Kessel – damit die Helfer später etwas Ordentliches frühstücken können und die Brühe Geschmack bekommt. Das hat beim Schlachten Tradition. Keiner der Männer reagiert.
Der Blonde steht neben Lisbeth an einem Holztisch und löst eine Schweinekeule aus. Er ist, abgesehen von einem kleinen Mädchen mit rosa Häkelmütze, das fröhlich zwischen den Schweinehälften Verstecken spielt, der Jüngste hier. Eigentlich ist er Zimmermann, doch an Tagen wie heute lernt er vom Alten das Hausschlachten.
…………..
…….Die Fortsetzung lest Ihr in Effilee # 4

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